Haute Route Tagebuch

21.-26. April 2018

Tourengruppe der Alpenvereinssektion Kufstein, geführt von Georg Baumgartner, aufgeschrieben und rasch skizziert von Dr. Martin Heipertz

Über die Haute Route kann ich nicht schreiben, wie ich über frühere Skitouren geschrieben habe. Denn dieses Mal war uns der Tod auf den Fersen. Es war nicht unser Tod, und wir waren längst schon wieder unten in Kufstein, Bayreuth und Berlin, als wir davon erfuhren. Es war ein Bergsteigertod, der andere gesucht und gefunden hatte als uns. Wir kannten sie nicht, aber sie gingen drei Tage nach uns die Haute Route. Jeder hat inzwischen darüber gehört:

Am Sonntag, den 29. April 2018, gerieten 14 Tourengeher in einen Schneesturm.

Samstag, 21. April, Chamonix. Die unglaubliche Hitze mit nahezu 30 Grad erlaubt uns nicht, die Haute Route anzugehen. Stattdessen fahren wir durch die Vallée Blanche und die Mer Glacée bei Chamonix. Mit der Gondel hoch auf die Aguille de Midi, von dort grüßt der Mont Blanc. Legendäre Abfahrt über den Gletscher. Sein Sterben dokumentieren Schilder, die anzeigen, welche Höhe der in seinem Steinbett liegende Eisriese noch vor wenigen Jahren gehabt hat. Ungerührt erheben sich darüber die scharf konturierten Gipfel. Der Anblick dringt mir tief in die Seele. Mit berstendem Poltern kracht ein Felsblock die steinerne Wand auf den Gletscher hinab, groß wie ein Kleinbus, sich überschlagend, Geröll mit sich reißend, Staubwolken ihn umringend.

La Mer Glacée

In Chamonix verbringen wir den Mittag, das wir per Zahnradbahn erreichen. Alles wirkt klassisch und gefällt mir sehr. Ein Muselman betet vor unserem Café.

Sie verbrachten die Nacht nur 400 Meter vor der rettenden Vignettes-Hütte, die sie aber in Finsternis und Schneesturm nicht ahnen konnten.

Sonntag, 22. April, Argentière. Col de Chardonnet und Fenêtre de Tour – zwei Scharten oberhalb von 3.000 Metern. Jede Anstrengung lohnt, denn in überragender Kulisse werden wir mit einer traumhaften Abfahrt belohnt. Von der Terrasse aus beobachten wir den Abgang einer gewaltigen Lawine in drei Zügen.

Lawinenabgang

Sie hatten ohne GPS keine Orientierung und auf dem betonhart gefrorenen Boden auch keinerlei Möglichkeit, sich einzugraben.

Montag, 23. April, Cabane de Prafleuri. Endlich verlassen wir Martigny und verlegen nach Verbiers. Aus dem dortigen Skigebiet heraus beginnen wir unsere Variante der Haute Route. Sie führt uns zunächst auf einen 3.400 Meter hohen Gipfel mit dem blumigen Namen La Rose Blanche. Das Gelände ist fordernd aber nicht übermäßig anstrengend. Hin und wieder verbirgt die Sonne sich hinter Wolken, doch am Gipfel reißt die Sicht auf und offenbart ein atemberaubendes Panorama auf das Matterhorn und den Grand Combin, der unsere Erinnerung weckt.

Es herrscht viel Flugbetrieb, denn die Helikopter der Schweizer Armee rangieren Material von den Bergen hinab, das dort der Patrole des Glaciers gedient hat. Die Stimmung ist gut, und ich lasse mich frozzeln.

Die Abfahrt zu unserer Unterkunft ist herrlich, und wir erreichen die Cabane de Prafleuri schon um zwei Uhr, just als Schneefall einsetzt. Die Hütte ist einfach und herzlich bewirtet; einmal pro Woche per Hubschrauber versorgt. Ein Sanitäter landet auch, als ich meine Siesta gerade beendet habe. Die jungen Leute trinken Café und holen eine Altersgenossin ab, die Bedienung, die eine Entzündung an der Hand hat. Ihre Saison ist nun zu Ende. Die Sonne kommt wieder heraus und lockt nach und nach alle auf die Terrasse.

Ich denke an den Tagesheiligen: Georg, der Erzmartyrer, der gerädert worden ist. Mit einem Wagenrad sind den Delinquenten die Knochen zertrümmert worden. Danach sind sie auf das Rad gebunden und auf verschiedene Weise dem Tode überlassen worden.

Nach dem reichlichen, wohlschmeckend bereiteten Abendessen trete ich noch einmal vor die Tür. Die Majestät der Stille. Nur gedämpft dringen Stimmen und Lachen zu mir. Vater unser. Tags drauf sagen die Kameraden, ich habe im Schlaf wirres Zeug geredet.

Biwaksäcke hatten sie offenbar nicht dabei.

Dienstag, 24. April, Cabane des Dix. Die zweite Etappe führt zunächst am Lac des Dix entlang, einem langgezogenen Stausee. Wir brechen um sieben Uhr früh auf und sind damit schon die Letzten. Der Schnee ist hartgefroren und verlangt Harscheisen. Zu früh ziehen wir sie wieder aus, denn am steilen Ufer des Sees hätten sie noch gute Dienste getan. Das Terrain ist unangenehm, da wir mehrere Lawinenkegel überwinden müssen. Beinhart gefrorenes Geröll eignet sich zum Skifahren schlecht, aber wir rutschen trotzdem darüber hinweg. Danach wird es noch heikler, denn tiefe Spalten tun sich in der Schneedecke auf und wollen vorsichtig umzirkelt werden.

Danach beginnt ein vierstündiger Anstieg, nur noch einmal von kurzer Abfahrt unterbrochen, am Pras du Chat. Die Sonne brennt mit großer Intensität, und am späten Vormittag wandelt sich der Schnee fast unmittelbar von Eis in Matsch. Die Landschaft ist atemberaubend: Unzugängliches Gebirge, nur  Stein und Eis, außer uns keine Menschenseele. Die ersten Dolen erst vor der Hütte, davor nur einmal Losung von Hase oder Gams. Eine reine Mondlandschaft. Nicht feindlich, aber zum Leben nicht gemacht.

Als die Hütte rechts über einem steilen, nicht ganz ungefährlichen Hang erscheint, habe ich konditionell trotz der Hitze noch Reserven. Diese bewahre ich mir auch und gehe nicht mehr mit zum Gipfelkreuz der Tête Noire, wie es einige von uns ohne den Bergführer tun.

Den Nachmittag verbringen wir auf der Sonnenterrasse. Herrliches Zeitvergehen. So muß es im Ruhestand sein: Jede Einzelhandlung wird bewußt zelebriert. Mal ein Café, mal das Waschen im Schnee. Aus der gutsortierten Handbibliothek der Hütte wähle ich zwischen Flauberts Madame Bovary und einer Abhandlung über den Untergang Roms letztere.

Nach dem Nachtmahl verfolge ich mit zwei jungen Briten das Alpenglühen. Zu den Brexiteers sagen sie, wir, die EU, sollen diese hart ficken. Wie so viele Briten stehen die beiden im Begriff, sich zusätzliche Nationalitäten zuzulegen, um, wie sie sagen, europäisch zu bleiben. Der eine wird Ire, der andere Niederländer. Wir rauchen ihre selbstgedrehten Zigaretten.

Alpenglühen

Der Bergführer stürzte unter bis heute nicht geklärten Umständen zu Tode.

Mittwoch, 26. April, Cabane des Vignettes. Über den Pignet d’Arolla mit knapp 4.000 Metern zur Cabane des Vignettes. Abmarsch um 6.15 Uhr. Zunächst ist mein Körper unwillig, und ich stelle mir durchaus die Frage, warum ich dies tue. Doch alsbald findet sich alles; der Rhythmus von Schritt und Atem, der Anblick der von Eis und Schnee bekleideten Gipfel in den ersten Strahlen der Morgensonne, die gedankliche Ruhe und Gewißheit, die mir nun gestellte Aufgabe bewältigen zu können. Einen langen Anstieg nehmen wir mit Harscheisen. Die Hütte, die netteste der drei Unterkünfte, entschwindet in der Tiefe. Das Gelände flacht wieder ab wie auf einer hohen Stufe. Starker Wind setzt ein und verlangt nach wärmerer Kleidung. Zwischendurch legen wir gar Steigeisen an. Der Gipfel selber ist unschwer erreicht und bietet einen phänomenalen Ausblick auf die umliegenden Viertausender – darunter der Grand Combin wie ein alter Bekannter und das wohl unerreichbare, majestätisch, steil und abweisend ragende Matterhorn.

Furios fegt der Wind über den Gipfel dahin, aber ein paar Hundert Meter tiefer läßt es sich komfortabel rasten. Das Matterhorn-Panorama sinkt tief in die Seele ein. Wir warten eine ganze Stunde, bis der Schnee al dente ist, wie ich es nenne, und fahren dann ab vor der großartigsten Kulisse, die ich je für eine Abfahrt gehabt habe.

Zur Mittagszeit erreichen wir die Cabane, und wieder beginnen die langen, beengten Stunden des Hüttenlebens, das neben der Anstrengung der Preis ist für dieses Erlebnis. Als Bernd und ich einen Bottich entdecken, in den von der Dachrinne Schmelzwasser tropft, räumen wir die sperrende Palette beiseite und waschen uns darin. Die Mädels folgen unserem Beispiel, bis die Hüttenwirte wutschnaubend über uns hereinbrechen, uns gar als Schweine beschimpfen, porcs: Wir haben das Trinkwasser zweckentfremdet.

Sechs Tourengeher erfroren.

Donnerstag, 26. April, Martigny. Zum Schluß die längste, anspruchsvollste und wohl auch gefährlichste Etappe, bis nach Zermatt. Um 5.45 Uhr brechen wir auf. Es ist noch dunkel, und wir tragen Stirnleuchten. Jeder hatte schlecht geschlafen – auf über 3.000 Metern. Steil ging es bergab, und der Schnee war über Nacht beinhart gefroren. Nicht nur hier hätte ein Ausrutscher fatale Konsequenzen gehabt. Wir haben Glück, denn die vom Tal her aufsteigenden Wolken erfassen uns erst, als wir die Abfahrt hinter uns haben und in den ersten von drei Anstiegen übergehen. Manchmal reißt der Morgenhimmel für ein paar Sekunden auf. Vor den grauen Schwaden gibt es prächtige Szenen.

Wie an den Vortagen dauert es ein Weilchen, bis mein Körper in Schwung kommt, doch dann geht es. Die zweite Abfahrt erfolgt geradezu beschwingt, doch der zweite Anstieg hat es in sich: So steil und vereist, daß wir auf Steigeisen und mit Pickel gehen. Col d’Évêque, meine ich, heißt der Sattel, den wir überqueren. Danach geht es sehr lange wie auf einem Hochtal daher, unter und neben uns das ewige Eis. Ich staune, welche Konturen der Wind in die Fläche malt oder wenn Eiswände in der mittlerweile wolkenlos brennenden Sonne speckig glänzen, als seien sie von Beus.

Und dann folgt elend lang der dritte und letzte Anstieg, der mich den Grenzen meiner Kondition nahebringt. Doch als er geschafft ist, grüßt die Majestät der Haute Route: Das Matterhorn. Nun sind wir ihm ganz nahe, und ich verstehe, wie sehr die ganze Tour im Grunde eine Hommage an diesen einzigartigen Berg ist.

2.000 Höhenmeter Abfahrt dürfen wir genießen, zu Füßen dieses erhabenen Berges, der uns immer näher kommt und immer höher in den Himmel wächst. Unter seiner Nordwand passieren wir viele abgegangene Lawinen, und mir ist mulmig zumute. Krachend geht über uns ein Gletscherbruch ab. So manches Ave Maria bete ich, doch dann wird das Gelände flach, schließlich eine Schotter-, dann eine Skipiste – und so kommen wir nach Zermatt, wie um hindurchzuparadieren.

Warum bloß waren sie bei einem solchen Wetterbericht losgegangen?

Matterhorn

Nachlese „Martyrium“

Vor zwei Wochen hatte ich die große Ehre, mit Martin Mosebach gemeinsam zu dem nicht alltäglichen Thema Martyrium zu sprechen. Gastgeber war die serbisch-orthodoxe Gemeinde in Frankfurt am Main.

Mosebach las aus seinem Buch vor: „Die 21 – Eine Reise ins Land der koptischen Martyrer“; einer Reportage über die Familien der koptischen Christen, die im Jahr 2015 von IS-Terroristen an einem Strand in Libyen geköpft worden waren.

Wir hörten „von den Madonnenbildern und Jesus-Portraits an den Wänden der einfachen Häuser, den grob geschreinerten Reliquienschränken, von einer Lebenswelt, in der alles die Spiegelung oder Erfüllung biblischer Vorgänge ist.“ Mosebach berichtete über das grausame Propaganda-Video des IS und den unbefangenen Umgang der Kopten damit. Erstaunt erfuhren wir: „Von Rache war nie die Rede, sondern vom Stolz, einen Martyrer in der Familie zu haben, einen Heiligen, der im Himmel ist.“

Ich ergänzte aus meinen Begegnungen mit den Zeugnissen serbisch-orthodoxer Martyrer im Kosovo und in der Herzegovina. Und ich trug einen Bericht vor, der mich als Schüler geprägt hatte: Über die zahlreichen schlesischen Priester und Ordensleute, die 1945 beim Einmarsch der Roten Armee den Opfertod starben. Wiederum war nicht von Rache die Rede, sondern von Reinheit.

Wer möchte, kann die Veranstaltung hier im Internet nachträglich ansehen.

Brexit-Veranstaltung

Beim Netzwerk Finanzplatz Frankfurt des Wirtschaftsrats Hessen spreche ich gemeinsam mit dem hessischen Finanzminister Schäfer und anderen zum Thema:

BREXIT – Zur Lage in London und Europa

am 14. März 2019, 18.30 Uhr

Deutsche Vermögensberatung AG

Wilhelm-Leuschner-Straße 24

60329 Frankfurt/Main

Der 29. März als das offizielle Austrittsdatum rückt unerbittlich näher, das ausgehandelte Austrittsabkommen zwischen dem Vereinigten Königreich und der Europäischen Union bleibt jedoch heftig umstritten im britischen Unterhaus.

Gerade der sogenannte Backstop zwischen der irisch-/ nordirischen Grenze wirft immer wieder Fragen auf. Die EU pocht auf den Backstop. Brexit-Hardliner lehnen ihn jedoch ab, da er den Verbleib Großbritanniens in der Zollunion bedeuten würde, sollten sich beide Parteien nicht auf ein gemeinsames Handelsabkommen einigen können. Der Austritt Großbritanniens aus der EU ist also noch immer unsicher- kommt es zu einem geregelten Austritt am 29. März 2019, wird der Austritt verschoben oder tritt das Vereinigte Königreich gar ohne Abkommen aus oder kommt es sogar zum Exit vom Brexit?

Genauso unsicher wie der eigentliche Austritt sind auch die Folgen, die der Brexit nicht nur auf internationaler und europäischer Ebene mit sich bringen wird, sondern auch auf nationaler Ebene in Deutschland oder sogar lokal in Hessen.

Die zur Veranstaltung geladenen Experten erklären den aktuellen Sachstand in der Brexit-Debatte und zeigen mögliche Szenarien, deren Wahrscheinlichkeit und Bedeutung insbesondere für die Finanzmärkte und den Finanzplatz Frankfurt auf.

Wenn Sie teilnehmen möchten, wenden Sie sich bitte an:

Wirtschaftsrat Hessen

Netzwerk Finanzplatz Frankfurt

Untermainkai 31

60329 Frankfurt

Telefon: 0 69 / 72 73 13

Telefax: 0 69 / 17 22 47

E-Mail: LV-Hessen@wirtschaftsrat.de

Programm Veranstaltung 14.03.2019