Nachlese zum CDU-Bundesparteitag #cdupt19

Diejenigen mit Einsicht sind nicht an der Macht – und diejenigen mit Macht haben keine Einsicht. Vor uns liegt ein steiniger Weg, doch „wer unter Tränen sät, wird mit Jubel ernten“ (Ps 126).

Als Liberal-Konservativer könnte man, von außen betrachtet, an der CDU derzeit durchaus verzweifeln: Friedrich Merz steht nach dem Bundesparteitag düpiert da, und eine Urwahl bei der spätestens 2020 zu klärenden Kanzlerkandidatur ist von zwei Dritteln der Delegierten niedergestimmt worden.

Diejenigen mit Einsicht sind in unserer Partei eindeutig nicht an der Macht, und diejenigen, die derzeit an der Macht sind, zeigen bisher kaum Einsicht – trotz 14 konsekutiver Wahlen mit herben Verlusten für uns Christdemokraten. Dies ist leider ein normaler und vielleicht sogar unausweichlicher Degenerationsprozeß zum Ende einer Ära, wie die Parteivorsitzende die jetzige Situation selber zu Recht bezeichnet hat.

Aufgrund der oligarchischen Struktur unserer Partei wird diesem Niedergang, so fürchte ich, nicht von innen heraus abzuhelfen sein. Die Selbstheilungskräfte sind nicht stark genug, um vor der Bundestagswahl entscheidend zum Tragen zu kommen. Ich erwarte daher nicht, daß wir die auf nächstes Jahr verschobenen, entscheidenden Fragen in puncto Inhalt und Personal rechtzeitig und überzeugend klären werden.

Doch das Bild dieses Blog-Eintrags gibt die trotz allem durchaus gute Stimmung wieder, die bei uns in der WerteUnion beim Bundesparteitag geherrscht hat. Ist diese gute Stimmung denn überhaupt zu begründen?

Durchaus. Erstens stellen wir bei jedem persönlichen Kontakt, auch mit hohen und höchsten Funktionsträgern und sogar mit erbitterten Gegnern innerhalb der Partei, fest, daß das verzerrte Schreckensbild, welches man strukturell von der WerteUnion zeichnet, in der menschlichen Begegnung von Angesicht zu Angesicht dahinschmilzt wie Schnee in der Sonne. Die Aktivisten der WerteUnion gehören zur Partei wie alle anderen Mitglieder auch, und sie zeichnen sich darüber hinaus durch einen sehr hohen Grad an Idealismus und Engagement aus. Im Grunde spüren selbst die kritischen Funktionäre, was sie an uns haben.

Zweitens wird die Gegenbewegung an der Basis um so stärker, je länger die Führungsspitze der Partei die überfällige Politikwende sabotiert. Mit zunehmender Dramatik im nächsten Jahr dürfen wir daher auf Auftrieb zählen, wo immer wir mit liberal-konservativen Inhalten und neuen Köpfen antreten. Die Erneuerung der Partei wird sich nicht von oben, sondern von unten vollziehen. Womöglich wird dies nicht mehr rechtzeitig vor der Bundestagswahl geschehen – dann aber um so deutlicher danach.

Das ist zunächst keine gute Nachricht für unser Vaterland. Man könnte also weiterhin mit Recht fragen, warum wir trotzdem so guter Stimmung bei diesem Parteitag sind. Für meinen Teil möchte ich den Grund damit erklären, daß ich christliche Gelassenheit verspüre. Wir tun, was wir können – und wir tun es gerne, mit ansteckendem Engagement und mit einer Freude, die im Grunde eine Vorfreude ist. Psalm 126 verheißt es so: „Die unter Tränen säen, werden mit Jubel ernten.“